Der polnische Nachrichtendienst im Zweiten Weltkrieg

Nachrichtendienstliche Operationen werden stets von dunklen Schatten verborgen und erblicken oft erst nach Jahren (oder auch nie) das Tageslicht – auch wenn sie für den Verlauf eines Krieges entscheidend waren. Ähnlich verhielt es sich auch mit dem polnischen Nachrichtendienst während des Zweiten Weltkrieges.

Der polnische Nachrichtendienst hatte für die Alliierten eine ganz spezifische Bedeutung. Noch vor Ausbruch des Krieges wurden u. a. durch die Dechiffrierung der Enigma (siehe Enigma) seine Möglichkeiten unter Beweis gestellt. Er verfügte auch über ein dichtes Netz von Mitarbeitern, welches bereits zur Zeit des Konfliktes nicht nur großteils beibehalten, sondern auch ausgebaut werden konnte, und zwar von Schweden bis Nordafrika. Hier spielte er während der Planung der Operation Torch, d. h. der Landung in Marokko und Algerien im November 1942 eine wesentliche Rolle. Der britische Nachrichtendienst wurde von Informationen aus polnischen Quellen förmlich überschüttet, so wurden zum Beispiel allein im Jahre 1943 über 10.000 wesentliche Meldungen übermittelt. Während die von der polnischen Exilregierung gesammelten Informationen wertvoll waren, hatten die Berichte des Verbandes für den Bewaffneten Kampf und der Heimatarmee geradezu unschätzbaren Wert und waren in anderer Weise auch nicht zu bekommen.

Inschrift auf dem Denkmal in der Ortschaft Sarnaki, wo während des Zweiten Weltkrieges eine deutsche Sonderabteilung stationiert war, die den Absturzort der V2 Raketen definierte, die Explosionsfolgen beurteilte und deren Überreste einsammelte. Dank der Aktion polnischer Widerstandskämpfer gelang es, den Blindgänger einer solchen Rakete in Besitz zu nehmen. Die Rakete wurde von polnischen Experten untersucht und ihre Teile nach England geschickt. Die Inschrift auf dem Denkmal lautet: Sie haben London gerettet. Foto: Andrzej Sidor, FORUM
Inschrift auf dem Denkmal in der Ortschaft Sarnaki, wo während des Zweiten Weltkrieges eine deutsche Sonderabteilung stationiert war, die den Absturzort der V2 Raketen definierte, die Explosionsfolgen beurteilte und deren Überreste einsammelte. Dank der Aktion polnischer Widerstandskämpfer gelang es, den Blindgänger einer solchen Rakete in Besitz zu nehmen. Die Rakete wurde von polnischen Experten untersucht und ihre Teile nach England geschickt. Die Inschrift auf dem Denkmal lautet: Sie haben London gerettet. Foto: Andrzej Sidor, FORUM

Der im Untergrund agierende Apparat des Nachrichtendienstes, der über ein Netz im besetzten Polen und auch in Deutschland, Frankreich oder in der UdSSR verfügte, lieferte zum Beispiel auch die Informationen über den geplanten deutschen Angriff an der Westfront im Jahre 1940, den Überfall der UdSSR ein Jahre später und anschließend über die Lage an der Front, einschließlich der geplanten Offensive gegen den Kaukasus im Jahre 1942. Genaue Berichte kamen auch aus Deutschland, welche die Bombenangriffe der Alliierten zum Beispiel gegen Hamburg erleichterten. Geradezu unschätzbar war der Beitrag zur Aufdeckung der deutschen Wunderwaffe, die das Schicksal des Krieges besiegeln sollte: der Raketen V1 und V2. Zunächst wurden Informationen über die Heeresversuchsanstalt in Peenemünde gesammelt. Die Berichte, denen die Alliierten zunächst kaum Glauben schenkten, erwiesen sich als wahr und ermöglichten die Bombardierung der Anlage. Der Heimatarmee gelang es auch, eine ganze V2 Rakete in Besitz zu nehmen. Die polnischen Experten untersuchten sie und übermittelten die Ergebnisse sowie die wichtigsten Bestandteile im Juli 1944 nach London.

Die Kriegserfolge des polnischen Nachrichtendienstes ließen sich noch lange aufzählen. Statt dieser Liste könnte man allerdings auch die Worte von Commander Wilfred Dunerdale zitieren, der im Jahre 1945 an Winston Churchill schrieb, „die polnischen Nachrichtendienste haben einen unschätzbaren Beitrag […] geleistet und zum endgültigen Sieg der alliierten Streitkräfte beigetragen“. Leider geriet dies später für über ein halbes Jahrhundert in Vergessenheit.