Holocaust

Bereits Ende der Fünfzigerjahre des 20. Jahrhunderts schrieb einer der Wegbereiter der Holocaustforschung, Raul Hilberg: „Das Gebiet des besetzten Polen wurde zu einem Experimentierfeld. In kurzer Zeit […] überholte die Vernichtungsmaschinerie die Bürokratie in Berlin und ging wesentlich weiter“.

Gemäß der Grundsätze und der Praxis der Deutschen waren die polnischen Juden von Kriegsbeginn an Ziel und Objekt von brutalem Terror, von Vertreibungen, Raub und Ausgrenzung. Die Konzentration von Juden – die zuvor ihrer Freiheit beraubt worden waren – in streng isolierten Ghettos (rund 400) stellte für die Naziherrschaft bloß eine Übergangslösung dar. In diesen Ghettos herrschten schreckliche Bedingungen: Platzmangel, Hunger, Kälte, Krankheiten. In den größten von ihnen starb rund ein Viertel der Bewohner aus Unterernährung und wegen des schlechten Gesundheitszustandes – 100.000 waren es in Warschau und 45.000 in Lodz (Łódź).

Während der deutschen Besatzung wurden auf polnischem Staatsgebiet Ghettos für die jüdische Bevölkerung errichtet, in denen dramatische Lebensbedingungen herrschten. Das Gerichtsgebäude in der Leszno Strasse war das Bindeglied zwischen dem Warschauer Ghetto und dem „arischen“ Stadtteil. Auf dem Bild sehen wir ausgehungerte Ghettobewohner auf den Stufen des Gerichtes in der Leszno Strasse, 1941–1942. Foto: East News
Während der deutschen Besatzung wurden auf polnischem Staatsgebiet Ghettos für die jüdische Bevölkerung errichtet, in denen dramatische Lebensbedingungen herrschten. Das Gerichtsgebäude in der Leszno Strasse war das Bindeglied zwischen dem Warschauer Ghetto und dem „arischen“ Stadtteil. Auf dem Bild sehen wir ausgehungerte Ghettobewohner auf den Stufen des Gerichtes in der Leszno Strasse, 1941–1942. Foto: East News

Die Ghettos waren nur die Vorstufe zu einem durchgeplanten Massenmord, der im Herbst 1941 besiegelt wurde. Bei der sogen. Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 beschlossen die Deutschen, das abschließende Kapitel des Holocaust werde sich auf besetzten polnischen Gebieten abspielen. Bereits im Dezember 1941 wurde in Kulmhof (Chełmno nad Nerem) in der Nähe von Lodz (Łódź), auf einem in das Dritte Reich einverleibten Gebiet, mit der Tötung von Menschen durch LKW-Abgase begonnen. Bis Mitte Mai 1942 fanden hier 55.000 Juden den Tod. Doch der Schwerpunkt des Holocaust spielte sich im östlichen Teil des sogen. Generalgouvernements ab, wo drei Todesfabriken organisiert wurden – in Bełżec, Sobibór und Treblinka sowie in Auschwitz-Birkenau bei Krakau, auf einem in das Dritte Reich einverleibten Gebiet. In den drei erstgenannten starben rund 1,5 Millionen Juden: rund 500.000 in Bełżec, mindestens 850.000 in Treblinka (darin rund 300.000 aus dem Warschauer Ghetto), rund 130.000 in Sobibór. In den Gaskammern des KZ Auschwitz-Birkenau fanden rund 960.000 Juden den Tod. Polen wurde zu einem Friedhof für jüdische Gemeinschaften aus ganz Europa.

Das Ghetto für die jüdische Bevölkerung Krakaus wurde von der deutschen Besatzungsmacht im Jahre 1941 im Bezirk Podgórze errichtet. Es war eines der fünf größten Ghettos im Generalgouvernement. Im Juni 1942 wurde ein Teil der Ghettobewohner in das Vernichtungslager in Bełżec gebracht. Auf dem Bild die Lwowska Strasse am Tag der Judendeportation. Foto: Jüdisches Historisches Institut (Żydowski Instytut Historyczny im. Emanuela Ringelbluma)
Das Ghetto für die jüdische Bevölkerung Krakaus wurde von der deutschen Besatzungsmacht im Jahre 1941 im Bezirk Podgórze errichtet. Es war eines der fünf größten Ghettos im Generalgouvernement. Im Juni 1942 wurde ein Teil der Ghettobewohner in das Vernichtungslager in Bełżec gebracht. Auf dem Bild die Lwowska Strasse am Tag der Judendeportation. Foto: Jüdisches Historisches Institut (Żydowski Instytut Historyczny im. Emanuela Ringelbluma)

Doch nicht die gesamte jüdische Gemeinschaft ergab sich kampflos. Manche flohen in die Wälder, indem sie eigene Partisaneneinheiten bildeten oder sich polnischen oder russischen Einheiten anschlossen. In den Ghettos entstanden Kampfverbände, u. a. der Jüdische Militärverband (Żydowski Związek Wojskowy) und die Jüdische Kampforganisation (Żydowska Organizacja Bojowa), die einen heldenhaften, doch von Anfang an zum Scheitern verurteilten Widerstand leisteten. Die breitest angelegten Kämpfe fanden zwischen dem 19. April und dem 15. Mai 1943 im Warschauer Getto statt, wo es den Aufständischen anfangs sogar gelang, die deutschen Einheiten zum Rückzug zu zwingen. Widerstandsversuche gab es auch in den Ghettos von Białystok und Sosnowiec. Verzweifelte Versuche wurden auch von den Häftlingen der Vernichtungslager unternommen. Am 28. August 1943 gelang rund 350 Häftlingen (von denen ca. 100 den Krieg überlebten) die Flucht aus Treblinka, nachdem sie zuvor einen Teil der Aufseher getötet hatten. Eine ähnliche Aktion unternahmen die Häftlinge von Sobibór am 14. Oktober 1943 (rund 50 erlebten dann noch die Befreiung von der deutschen Besatzung). Symbolische Bedeutung hatte das verzweifelte Aufbäumen jüdischer Häftlinge, die beim Verbrennen von Leichen beschäftigt waren, in Auschwitz am 7. Oktober 1944.

Das Kriegsende erlebten nur rund 300.000 polnische Juden, weniger als zehn Prozent all jener, die vor Kriegsausbruch in Polen gelebt hatten. Die Hälfte überlebte in der UdSSR, der Rest in Arbeitslagern oder verschiedenen Verstecken.

Aussiedlung der jüdischen Bevölkerung aus Międzyrzec Podlaski. Gendarmen beaufsichtigen das Einsteigen in die Waggons. Foto: N.N.
Aussiedlung der jüdischen Bevölkerung aus Międzyrzec Podlaski. Gendarmen beaufsichtigen das Einsteigen in die Waggons. Foto: N.N.