Von Lenino nach Berlin oder die Polnische „Volks“armee

Die Seite an Seite mit der Roten Armee kämpfende Polnische „Volks”armee wird oft vergessen oder bagatellisiert. Zu Unrecht, denn ihre Soldaten vergossen ihr Blut ohne jegliche ideologische Motivation. Und nur sie schafften es, bis nach Berlin durchzukommen.

Für die polnischen Kommunisten, die nach der Unterzeichnung des Sikorski-Majski-Abkommens nur zum Schein auf ein Abstellgleis gestellt wurden, stellte die Aufstellung von Einheiten, die – ohne irgendwelche Bedingungen zu stellen – mit der Roten Armee Seite an Seite kämpfen würden, eine vorrangige Aufgabe dar. Im Februar 1943 traf Stalin mit dem nach der Evakuierung der Anders-Armee willkürlich in der UdSSR verbliebenen Oberst Zygmunt Berling zusammen, um die Frage der Aufstellung einer polnischen Division zu besprechen. Man brauchte allerdings eine Organisation, die für diese Aktion verantwortlich zeichnen würde. Im März 1943 wurde der Verband Polnischer Patrioten (Związek Patriotów Polskich) gegründet, der in erster Linie aus Kommunisten bestand und der Stalin ein entsprechendes Ersuchen unterbreitete. Den in Sielce an der Oka rund 160 km von Moskau entfernt gebildeten Einheiten strömten Polen, die nach ihrer Vertreibung in den Jahren 1939-1941 in der ganzen UdSSR zerstreut waren, massenweise zu. Viele von ihnen haben es ganz einfach nicht rechtzeitig in die Anders-Armee geschafft. Obwohl ein Großteil der Offiziere aus der Roten Armee stammte, wurde auch auf polnische Symbole geachtet: die Uniformen hatten einen Schnitt aus der Vorkriegszeit, der Tag begann mit einer heiligen Messe, und die 1. Division, die nach Tadeusz Kościuszko benannt wurde (dem Anführer des Aufstandes gegen Russland und Preußen Ende des 18. Jahrhunderts), legte ihren Eid am 15. Juli 1943 ab, am Jahrestag der für die Polen siegreichen Schlacht bei Tannenberg aus dem Jahr 1410. Am 12. und 13. Oktober 1943 nahm die Division an der blutigen Schlacht bei Lenino in Belarus teil. Am Jahrestag dieser Schlacht wurde nach dem Zweiten Weltkrieg beinahe ein halbes Jahrhundert lang der Tag der Polnischen Armee gefeiert.

Polnische Soldaten: Feldwebel Józef Rybicki (li) und Unteroffizier Mieczysław Jaryczewski (re) im eroberten Berlin, im Hintergrund das Brandenburger Tor. Foto: Zentrale Militärbibliothek (Centralna Biblioteka Wojskowa)
Polnische Soldaten: Feldwebel Józef Rybicki (li) und Unteroffizier Mieczysław Jaryczewski (re) im eroberten Berlin, im Hintergrund das Brandenburger Tor. Foto: Zentrale Militärbibliothek (Centralna Biblioteka Wojskowa)

Bis zum Frühjahr 1944 wurde aus der ständig wachsenden Division die 1. Armee, im Sommer 1944 begann man mit der Aufstellung der 2. Armee. Die Soldaten der beiden Streitkräfte schlugen sich im Juli und August 1944 in der Schlacht an der Weichsel, im September nahmen sie an der Besetzung des rechten Weichselufers von Warschau teil, eine Truppenlandung hingegen unterstützte die Aufständischen am anderen Flussufer. In den ersten Monaten des Jahres 1945 spielte die 1. Armee beim Durchbrechen des Pommernwalls, bei der Eroberung von Kolberg (Kołobrzeg), Danzig (Gdańsk), Gdingen (Gdynia) und schließlich Berlin eine wesentliche Rolle. Die 2. Armee kämpfte an der Lausitzer Neiße (Nysa Łużycka), bei Bautzen (Budziszyn) und in der Tschechoslowakei, wo sie bis zu den Vorstädten von Prag vordrang.

Von 1943 bis 1945 sind fast 18.000 Soldaten gefallen, rund 50.000 wurden verletzt. Es wurde auch gewürdigt, dass die Polnische „Volks“armee den zahlenmäßig größten Verbündeten stellte, der Seite an Seite mit der Roten Armee kämpfte. Eine Delegation dieser Streitkräfte nahm am 24. Juni 1945 an der Moskauer Siegesparade teil.